top of page
  • LinkedIn

spaces4future: Marktviertel Braunschweig - Vom Quartier zum Erlebnisviertel

  • Autorenbild: Lars Debbert
    Lars Debbert
  • 22. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit


Zusammenfassung


Die Session im Rahmen des BUILTWORLD-Programms widmete sich der Frage, wie das ehemalige Kaufhaus- und Parkplatzareal in Braunschweig als Marktviertel zu einem lebendigen Wohn‑ und Kreativquartier entwickelt werden kann. Die Diskussion wurde von Bernd Fels (if5) moderiert und erhielt fachliche Einordnungen von Lars Debbert (NEST ONE) sowie zukunftsgerichtete Impulse von Max Thinius (Speaker / Redner / Autor). Ausgangspunkt war die Bestandsanalyse rund um das frühere Horten-Kaufhaus und der städtebauliche Wettbewerb "Großer Hof" (März–Oktober 2024), dessen Siegerentwurf von PBP Paasch Budken Partner präsentiert wurde. Im Fokus standen konkrete Planungsinstrumente, die Frage nach Mobilität und Quartiersgaragierung, Möglichkeiten der Zwischennutzung und Bestanderhaltung sowie Optionen für Beteiligung, Finanzierung und Identitätsbildung des Quartiers.


Hauptthemen

  • Realutopien und Vereinsinitiative Spaces for Future als Treiber für experimentelle Stadtentwicklung

  • Wettbewerbsergebnis "Großer Hof" mit dem Siegerentwurf von PBP Paasch Budken Partner und prognostizierter Wohnungszahl (geschätzt 120–150 Wohneinheiten)

  • Integriertes Stadtentwicklungskonzept, partizipative Prozesse und geplante Städtebauförderung (Erwähnung 2026/2027)

  • Transformation öffentlicher Räume (Werder, Hagenmarkt, Wollmarkt) zu Parks, Marktplätzen und Aufenthaltsflächen

  • Mobilität: adaptive Quartiersgarage, Umverteilung vorhandener Parkkapazitäten und zukünftige autonome Mobilitätslösungen

  • Kultur, Handwerk und Bestandsnutzung (Atelierhöfe, Shedhallen, Kirchen als Möglichkeitsräume)

  • Finanzierungsmodelle und Konzeptvergabe statt Höchstpreisvergabe sowie Ideen zu Neighborhood-/Business-Improvement-Strukturen

  • Verknüpfung von Digitalisierung, datengetriebener Planung und tokenbasierten Ansätzen im städtischen Raum


Stadtentwicklung und Stadtreparatur

Lars Debbert (NEST ONE) stellte den Begriff "Stadtreparatur" bewusst positiv um: Es geht weniger um Defizite als darum, der gebauten Kulturlandschaft neues Leben einzuhauchen und Nutzungsmischungen in menschlichem Maßstab wiederherzustellen. Im Wettbewerbsgebiet wurde herausgearbeitet, dass das Quartier Identität, soziale Durchmischung, Grüninfrastruktur und Aufenthaltsqualität braucht, und dass Bestandserhalt sowie behutsame Aufstockung und serielle, adaptive Bautypen sinnvolle Strategien sind. Der Siegerentwurf sieht größere Baukörper, eine Quartiersgarage und eine deutliche Grünung vor; die Umsetzungszeiträume wurden grob in die späten 2020er/2030er Jahre eingeordnet.

  • Historische Nutzung: früher Markthalle, heute großflächige Parkplätze

  • Wettbewerbsziel: Mehr Vielfalt, soziale Mischung und Identitätsbildung statt reiner Monofunktion

  • Städtebauförderung als Hebel zur Aufwertung des Umfelds


Mobilität und Quartiersgarage

Mobilität war ein zentrales Thema: Die Diskussion betonte, dass das Problem oft nicht die absolute Anzahl an Stellplätzen, sondern deren räumliche Verteilung ist. Eine Studie der TU Braunschweig wurde zitiert, die zeigte, dass viele Parkhäuser nicht vollständig ausgelastet sind und eine Verlagerung möglich wäre. Die Idee einer adaptiven Quartiersgarage wurde ausführlich diskutiert: flexible Deckenhöhen, mögliche spätere Umnutzungen teilweiser Parkflächen (Cafés, Indoor-Farm, Gemeinschaftsnutzungen) und eine grundsätzlich geringere Stellplatzdichte im Sinne einer autoarmen oder autolosen Quartiersentwicklung.

Max Thinius brachte technologische Perspektiven ein, namentlich Module aus der Region, die beim Projekt "Build Your Dream" Parkprozesse automatisieren können, sowie autonome Fahrzeugkonzepte. Zudem verwies er auf Tokenisierung und souveräne Nutzerdaten als Planungsfaktoren, die Einfluss auf zukünftige Mobilitätsangebote haben können. Es wurden internationale Experimente erwähnt (Kopenhagen: On‑demand‑Schienenzyklen; Helsinki: autonome Palettentransfers), die verdeutlichen, wie sich Logistik und Personenverkehr verändern können.

  • Nutzen vorhandener Parkhäuser statt neuer Flächen

  • Quartiersgarage als flexibler, später umnutzbarer Baukörper

  • Technologische Trends: autonome Parklösungen und datengetriebene Mobilitätssteuerung


Öffentlicher Raum, Kultur und Handwerk

Der öffentliche Raum im Marktviertel (Werder, Hagenmarkt, Wollmarkt) wurde als heute eher "toter Raum" beschrieben, der durch gezielte Interventionen in Marktplätze mit temporärer oder dauerhafter Nutzung verwandelt werden kann. Vorschläge reichten von Viktualienmarkt-ähnlichen Ständen über Quartalsmärkte (Flohmarkt, Musikmarkt) bis zu langfristigen Nutzungen durch Atelierhöfe und Shedhallen. Die Rolle von Kulturträgern, Streetart und kreativer Identität wurde als zentral für die Attraktivität des Quartiers hervorgehoben.

Diskutiert wurden Organisationsformen für solche Nutzungen: Von Genossenschaftsmodellen über gemeinnützige GmbHs bis zu Neighborhood Improvement Districts (NID) als Instrument zur Finanzierung und Steuerung lokaler Angebote. Der Work‑Life‑Community‑Hub (sowohl in kleinerer Quartiersform als auch als größeres Hort10‑Konzept genannt) wurde als Katalysator für Nachbarschaftsleben und ökonomische Verknüpfungen vorgeschlagen.

  • Zwischennutzungen zur Aktivierung (temporäre Märkte, Reallabore)

  • Atelierhöfe und Shedhallen als Räume für Kultur und Handwerk

  • Finanzierung und Betrieb durch NID/Organisationsmodelle und Quartiersmanagement


Wohnen, Nutzungsmix und adaptives Bauen

Die Diskussion plädierte für kleinere, adaptivere Wohnflächen, ergänzt durch gemeinschaftlich genutzte Innen‑ und Außenräume, so dass das Quartier als verlängertes Wohnzimmer fungiert. Serielle und modulare Bauweisen mit hohem Vorfertigungsgrad wurden als wirtschaftlich und flexibel empfohlen. Bestandssanierung mit punktuellen Aufstockungen wurde als pragmatische Strategie genannt, um Kosten zu senken und gleichzeitig städtebauliche Vielfalt zu erhalten.

  • Kleinere Grundrisse plus Gemeinschaftsflächen reduzieren Wohnkosten

  • Modulares, adaptives Bauen erlaubt spätere Umnutzungen

  • Erhalt und behutsame Ergänzung von Bestandsgebäuden (Atelierhöfe)


Konzeptvergabe, Finanzierung und Partizipation

Ein wiederkehrender Punkt war die geplante Konzeptvergabe des Areals: Die Stadt möchte nicht den höchsten Flächenpreis, sondern das überzeugendste Gesamtkonzept belohnen. Entscheidend sind dabei die Zieldefinitionen der Stadt, die in der Bewertung transparent und ambitioniert formuliert werden sollten. Finanzierungsvorschläge umfassen eine Mischfinanzierung aus Städtebauförderung, Beiträgen der Wohnkäufer, Gewerbeanteilen und genossenschaftlichen Modellen. Als Orientierungsrahmen wurde der Claim People, Planet, Profit genannt, also eine Balance aus sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit.

  • Konzeptbewertung statt Höchstbieterprinzip

  • Finanzierungsinstrumente: NID, Städtebauförderung, Mischfinanzierung

  • Partizipation der Quartiersgesellschaft als Kriterium für Akzeptanz und langfristigen Erfolg


Prozess, Umsetzung und Empfehlungen

Mehrere Sprecher empfahlen ein schrittweises Vorgehen: klein anfangen, ausprobieren, auswerten und sukzessive skalieren. Reallabore, temporäre Stadtmöbel oder ein erstes Café können laut Diskussion bereits zu einem deutlichen Stimmungswandel und weiteren Investitionen führen. A/B‑Testing aus der Softwareentwicklung wurde als Idee eingebracht, um Planungsvarianten iterativ zu verproben. Gleichzeitig wurde vor überambitionierten Masterplänen gewarnt; besser seien vielfaltige, menschlich proportionierte Interventionen.

Konkrete Umsetzungsempfehlungen beinhalteten die frühzeitige Einbindung von Bewohnern, die Nutzung vorhandener Parkinfrastruktur, adaptive architektonische Standards für spätere Umnutzungen und das Experimentieren mit Mobilitätsangeboten. Als Inspirationsquellen wurden Beispiele aus Kopenhagen, Barcelona, Helsinki, Aarhus und Bochum genannt.

  • Start mit kleinen, sichtbaren Maßnahmen (Café, Marktstände, Stadtmöbel)

  • Reallabore und iterative Tests vor großflächigen Eingriffen

  • Frühzeitige Bürgerbeteiligung und klare Bewertungsziele für Konzeptvergaben


Zentrale Erkenntnisse

  • Spaces for Future fungiert als Forum für Realutopien und bringt lokale Beispiele wie Braunschweig in eine nationale Debatte.

  • Das Marktviertel bietet die Chance, aus Parkraum wieder lebendige Stadträume mit Markt/Quartiersleben zu machen.

  • Mobilitätsstrategien müssen flexibel geplant werden: adaptive Quartiersgaragen, bessere Nutzung bestehender Parkhäuser und Vorbereitung auf autonome/bedarfsgesteuerte Systeme.

  • Partizipation, Finanzierungskonzepte (z. B. NID) und Konzeptvergaben sind entscheidend, um soziale und ökonomische Tragfähigkeit sicherzustellen.

  • Kultur, Handwerk und Identität (Atelierhöfe, Shedhallen, Kirchenumnutzungen) stärken die Nachbarschaftsbindung und lokale Wertschöpfung.

  • Digitale und datenbasierte Ansätze (Stichwort Tokenisierung, souveräne Daten) sowie technologische Trends sind relevante Planungsfaktoren für die kommenden Jahre.

  • Im weiteren Kontext sind Themen der Energieversorgung und Nachhaltigkeit angesprochen worden, die nah an Diskussionen zu ClimateTech anschließen.


Abschließend bleibt festzuhalten, dass Bernd Fels (if5) die Session leitete, Lars Debbert (NEST ONE) die architektonisch‑städtbauliche Sicht einbrachte und Max Thinius (Speaker / Redner / Autor) die technologischen und gesellschaftlichen Trends skizzierte. Gemeinsam entstand ein breiter Konsens für ein iteratives, partizipatives Vorgehen: kleine Interventionen testen, daraus lernen und die großflächigen Bauphasen adaptiv und konzeptorientiert umsetzen. Die vorgestellten Ideen bieten konkrete Ansatzpunkte für die weitere Gestaltung des Marktviertels und zeigen zugleich übertragbare Prinzipien für ähnliche Quartiersentwicklungen.


Referenten

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page